Perfect Imperfection
Ein Essay über optimierte Realität, glaubwürdige Inszenierung –
und warum Authentizität längst keine Wahrheit ist, sondern ein Werkzeug.
In einer meiner ersten Präsentationen bei Heimspiel habe ich ernsthaft das Wort „Authentizitätismus“ benutzt.
Es klang klug, es klang wissenschaftlich – aber das Wort gab es nicht. Ich meinte einfach: Authentizität.
Damals hat’s niemand gemerkt.
Heute passt der Begriff besser denn je.
Denn „Authentizitätismus“ beschreibt ziemlich genau das System, in dem wir gerade leben:
Echtheit wird so lange inszeniert, bis sie sich echt genug anfühlt.
Authentizität ist kein Fakt mehr, sondern ein Gefühl
Früher war „authentisch“ so etwas wie ein Gütesiegel: wahr, unverstellt, ungefiltert.
Heute heißt „authentisch“ oft nur noch: Es fühlt sich irgendwie echt an.
Wir haben uns daran gewöhnt, Echtheit nicht zu prüfen, sondern zu spüren:
Nicht: „Ist das wahr?“, sondern: „Passt das zu dir?“
Stimmigkeit schlägt Wahrheit. Wahrnehmung schlägt Fakten.
Und dann kommt noch ein zweites Problem dazu:
Unternehmen bestehen aus Menschen – aber wenn Menschen „authentisch fürs Unternehmen sprechen“, tun sie das im Auftrag einer Marke.
Wie „echt“ kann etwas sein, das bereits durch Freigaben, Guidelines und Interessen gefiltert wurde?
Wir reden also über Authentizität – und verhandeln in Wahrheit nur Glaubwürdigkeit.
Perfect Imperfection: optimierte Realität statt Realität
Das Spannende: Authentizität war schon lange inszeniert, bevor KI ins Spiel kam.
Bei McDonald’s stand vor vielen Jahren im Corporate Design ganz offiziell „Perfect Imperfection“.
Die Produktfotos sollten perfekt aussehen – aber nicht zu perfekt:
Der Burger wird minutiös gebaut, das Licht ist perfekt gesetzt – und dann werden
ein paar Sesamkörner „zufällig“ danebengelegt,
ein Tropfen Sauce „zufällig“ heruntergezogen,
ein Salatblatt „zufällig“ verrutscht.
Das Ergebnis:
Die Realität wird nicht abgebildet, sondern optimiert.
Nicht dokumentiert, sondern gestaltet.
Bei MAN war damals klar: Die Fahrzeuge müssen sauber, glatt, technisch korrekt dargestellt werden. Kein Dreck, keine Kratzer.
Volvo hingegen zeigte Trucks im Einsatz – staubig, schlammig, abgenutzt.
Aber auch das war keine spontane Wirklichkeit, sondern aufwendig inszenierter Dreck.
Das ist die teuerste Form von Authentizität: Inszenierung zweiter Ordnung.
Du musst das Perfekte beherrschen, um anschließend gezielt das Unperfekte zu streuen.
Der Aufwand, etwas „real“ aussehen zu lassen, ist höher, als es einfach nur perfekt zu zeigen. Das ist die Ironie: Authentizität muss heute stärker gebaut werden als Perfektion.
Das ist „optimierte Realität“:
Echtheit als Produkt, nicht als Zustand.
Authentisch – nur besser als die Wirklichkeit.
KI lernt Fehler: Fake-Humanity als neues Level
Der größte Irrtum im Umgang mit KI:
Wir glauben, sie strebe nur nach Perfektion.
In Wahrheit lernt sie gerade das Gegenteil:
Fehlerkompetenz.
KIs lernen, menschlich zu wirken, indem sie unsere Unschärfen kopieren:
Hautunreinheiten, Pigmentflecken, leichte Asymmetrien, schiefe Zähne.
Versprecher, Räuspern, kleine Holperer im Satz, ein Blick, der kurz wegdriftet.
Rechtschreibfehler, falsch gesetzte Kommas, Tippfehler.
Das Menschlichste am Menschen sind nicht seine Stärken –
sondern seine Fehler.
Und genau die werden gerade zu Features.
Die nächste Stufe ist nicht klinische Perfektion,
sondern perfekt inszenierte Unperfektion.
Wenn KI demnächst glaubwürdiger unperfekt ist als du,
wirkt „zu echt“ irgendwann verdächtig.
Echt wird das neue Uncanny Valley.
Life of Pi und die Verschiebung der Wahrheit
Im Film Life of Pi sagt der Erzähler am Ende sinngemäß:
„Welche Geschichte wahr ist? Das ist egal. Es ist eine gute Geschichte.“
Genau da stehen wir im Marketing.
Social Media, Scripted Reality, Influencer-Feeds, KI-Stories –
wir sind daran gewöhnt, dass Realität eine Dramaturgie hat.
Die relevante Frage lautet nicht mehr:
„Stimmt das?“
sondern:
„Fühlt sich das wie eine gute Geschichte an?“
Wir überhöhen, schneiden, kuratieren, filtern.
Story schlägt Status. Wirkung schlägt Wahrheit.
Und jetzt beschleunigt KI genau diesen Trend:
Sie macht die perfekte Inszenierung billiger –
und echte Authentizität gleichzeitig unsichtbarer.
Authentizität als Stilmittel – nicht als Tugend
Authentizität ist heute kein innerer Wert mehr.
Sie ist ein Look. Ein Filter. Ein Effekt.
Verwackelte Handyvideos, „spontane“ Behind-the-Scenes,
professionell geplante „Upsi, so bin ich halt“-Momente:
Das ist keine Ehrlichkeit.
Das ist Ästhetik.
Authentizität ist zur Inszenierung von Natürlichkeit geworden.
Ein Stilmittel wie Schwarz-Weiß, Rauschen oder Retrofilter.
„Authentizitätismus“ trifft genau das:
die übersteigerte Fixierung auf Authentizität –
bis sie selbst zur Pose wird.
Was bleibt Marken, wenn alles fake-authentisch ist?
Wenn KI unsere Fehler kopiert
und optimierte Realität Standard wird –
welche Rolle bleibt der „echten“ Authentizität?
Die Antwort ist unbequem:
Echte Authentizität ist nicht einfach nur unperfekt.
Sie ist widersprüchlich.
Sie zeigt Kanten, Entscheidungen, Haltungen,
die nicht allen gefallen.
Sie erzeugt Reibung, nicht nur Resonanz.
Inszenierte Echtheit:
geplantes Chaos, choreografierte Bodenständigkeit, kalkulierte Nähe.
Glaubwürdige Echtheit:
eine konsistente Haltung, die man erklären kann –
und aushält, auch wenn sie wehtut.
Für Marken heißt das nicht: „Sei authentisch.“
Das ist zu plump.
Sondern:
Beherrsche deine Inszenierung.
Sei im Kern konsistent, im Detail widersprüchlich.
Lass Raum für Zweifel – nichts tötet Glaubwürdigkeit so schnell wie glatte Perfektion.
Sorge dafür, dass man dich erklären kann – nicht, dass du dich rechtfertigen musst.
Der Markt wird nicht mehr sauber zwischen echt und falsch unterscheiden.
Er wird unterscheiden zwischen schlechter Inszenierung und glaubwürdiger Inszenierung.
Fazit: Authentizitätismus ist das neue Normal
Wir leben im „Authentizitätismus“ –
in einem System, in dem Echtheit inszeniert wird,
bis sie sich echt genug anfühlt.
Echte Authentizität stirbt nicht von heute auf morgen –
aber sie verliert an Sichtbarkeit.
Glaubwürdige, inszenierte Authentizität dominiert.
Für Marken heißt das:
Nicht die Frage „Ist das 100 % wahr?“ entscheidet,
sondern:
„Ist das stimmig, erklärbar und emotional glaubwürdig?“
Echt ist, was echt wirkt.
Und wer dieses Spiel versteht,
hat im Branding einen entscheidenden Vorteil –
gegenüber Mitbewerbern
und gegenüber der KI.
Make it, till you fake it!
Aber make it zumindest mal.
Bis nächsten Freitag – Baba Bubble 🫧
#brandlyfriday ist Bubbles wöchentlicher Brandbrief zum Wochenende.
Über Brandly Fire
brandly fire ist eine Beratungs- und Coaching-Agentur für Branding, Identität und Kommunikation.
Wir helfen Unternehmen, Teams und Hochschulen, Marken von innen heraus zu verstehen und klar zu führen – mit Fokus auf Strategie, Empathie und Wirkung.
📍 brandly fire – Annette Schneider & Christian Baptist
🌐 www.brandlyfire.de
📧 hallo@brandlyfire.de
Nutzung & Hinweise
Dieser Text darf unter Nennung der Quelle frei geteilt oder auszugsweise zitiert werden:
Quelle: brandly fire – Perfect Imperfection
© brandly fire | www.brandlyfire.de
Unsere Bilder dürfen gerne zusammen mit diesem Text verwendet werden – bitte mit Quellenangabe:
© brandly fire | www.brandlyfire.de
Bei redaktioneller Verwendung freuen wir uns über eine kurze Nachricht an hallo@brandlyfire.de.
Weiteres Bildmaterial stellen wir auf Anfrage gerne zur Verfügung.