Super-Superlative: Pro. Max. Ultra.

Ein Essay über Wertigkeits-Inflation, sprachliches Aufpumpen – und warum heute alles Premium heißt.

Neulich beim Verräumen des Einkaufs sieht es aus, als hätten wir für Adlige eingekauft:

Delikatess-Wurst.

Edel-Salami.

Gourmet-Käse.

Original-Margarine.

XXL-Müsli.

Supreme-Pizza.

Premium-Bratfett.

Finest-Cuisine-Spätzle.


Und dann fällt mir wieder ein:

Wir waren beim Discounter.

Ich denke an meine Zeit als Angestellter zurück.

Damals sollte in jedem Absatz über das Unternehmen das Wort „innovativ“ stehen.

Und tatsächlich änderte sich die Wahrnehmung:

Plötzlich galten wir als innovatives Unternehmen.

Worte formen Realität.

Oder zumindest das Gefühl davon.

Wir leben im Zeitalter der sprachlichen Selbstaufwertung.

Wenn Qualität fehlt, wird sie behauptet.

Einfach per Wort.

Wort-Gewand

Warum die billigsten Produkte die wertigsten Namen tragen

Menschen kaufen ungern „das Billigste“.

Nicht wegen des Geldes, sondern wegen des Selbstbilds.

Billig fühlt sich nach Fehler an.

„Delikatess“ fühlt sich nach Entscheidung an.

Die Mechanik ist genial simpel:

Billiges Produkt → wertiges Label → emotionales Upgrade

„Delikatess“ ist ein Placebo fürs Konsumenten-Gewissen.

Qualität kostet Geld.

Wertigkeit kostet ein Wort.

Premium statt Mittelmaß

Wenn Worte aufwerten, was das Produkt nicht leisten kann

Die sprachliche Überkompensation ist überall:

„Premium Döner.“

„Handcrafted Burger“ (aus dem Tiefkühler).

„Gourmet Selection“-Kaffee (4,99 € das Pfund).

„Ultra Power Mega XXL“-Waschmittel.

„Meisterklasse“-Aufschnitt (im Angebot).

Dasselbe Prinzip gilt seit Jahren in Jobtiteln:

Hausmeister*in → Facility Manager

Reinigungskraft → Hygiene-Specialist

Verkäufer*in → Sales Advisor

Sekretär*in → Office Manager / Executive Assistant

Lagerarbeiter*in → Logistics Operator

Wir werten nicht die Rolle auf.

Wir werten das Wort auf.

Wenn Qualität nicht steigt, steigt zumindest das Wording.

Die Steigerung von „Maximal“

Apple und die Kunst der Wertigkeits-Semantik

Auch Apple arbeitet mit derselben Psychologie – nur am oberen Ende der Skala.

Pro.

Max.

Ultra.

Air.

Plus.

Pro Max.

Ein System, das bei genauer Betrachtung völlig absurd ist:

  • Pro suggeriert „professionell“ – und degradiert damit das Basismodell zum „Amateur“.

  • Max bedeutet maximal – außer es kommt noch etwas darüber.

  • Ultra heißt extrem – und entwertet damit alles darunter.

Das Produkt wird nicht besser erklärt.

Der Käufer fühlt sich besser eingeordnet.

Apple verkauft keine Funktionen.

Apple verkauft Hierarchien.

Und ein psychologischer Klassiker hilft dabei:

Bei drei Preisstufen wählen 66–75 % der Menschen die Mitte.

Nicht billig sein. Nicht dumm teuer wirken.

Das mittlere Modell ist kein technisches Produkt.

Es ist ein psychologisches.

Die Inflation der Sprache

Wenn Superlative selbst explodieren

Ein GAU ist der „größte anzunehmende Unfall“.

Dann kam der Super-GAU.

Grammatikalisch Unsinn – emotional wirksam.

Dasselbe Prinzip in Arbeitszeugnissen:

„zur vollen Zufriedenheit“ → Note 3

„zur vollsten Zufriedenheit“ → Note 2

„stets zur vollsten Zufriedenheit“ → Note 1

“Zur vollsten?” 

Wir steigern Dinge, die nicht steigerbar sind.

Ergebnis:

Sprache verliert Bedeutung.

Wertungen verlieren Schärfe.

Mittelmaß bekommt Bestnoten.

Mehrwort statt Mehrwert

Warum alles Deluxe, Mega und Premium heißt

Das Muster ist immer gleich:

Worte ersetzen Qualität.

Narrative ersetzen Substanz.

Behauptung ersetzt Differenzierung.

Wir leben nicht im Zeitalter des Premiums.

Wir leben im Zeitalter des vorgespielten Premiums.

Je häufiger etwas „edel“, „gourmet“ oder „ultra“ genannt wird,

desto weniger Bedeutung hat das Wort.

Die Wahrheit:

Wir konsumieren keine Qualität.

Wir konsumieren Etiketten.

Die eigentliche Absurdität

Premiumprodukte müssen nichts sagen.

Billigprodukte brauchen eine ganze Sprache.

Das Wort „Premium“ existiert nur,

weil das Produkt es nicht ist.

Gute Produkte kommunizieren wenig – und wirken viel.

Billige Produkte kommunizieren viel – und wirken wenig.

Die billigste Wurst braucht fünf Superlative.

Das beste Produkt braucht keinen.

Die eigentliche Absurdität ist nicht die Sprache.

Sie ist das Verhältnis von Inhalt zu Wort:

Je minderwertiger der Inhalt,

desto wertiger das Wording.

Sprache ersetzt Wahrnehmung.

Wörter übernehmen unsere Sensorik.

Fazit: Wie steigert man voll?

Wir nennen Dinge nicht hochwertig, weil sie es sind –

sondern weil es günstiger ist, sie so zu nennen.

Wertigkeit ist zur sprachlichen Abkürzung geworden.

Ein Wort ersetzt den Aufwand.

Ein Etikett ersetzt die Leistung.

Ein Versprechen ersetzt den Beweis.

Das funktioniert,

solange niemand genauer hinsieht.

Doch die Nebenwirkungen der Premium-Inflation sind real:

Wir entwerten Produkte, Jobtitel und Präsentationen –

und gleich mit ihnen Bedeutung, Feedback und Ehrlichkeit.

Wenn alles Premium ist,

ist Premium nichts mehr wert.

Und vielleicht ist das die eigentliche Entscheidung:

weiter Etiketten zu konsumieren

oder wieder Unterschiede wahrzunehmen.

Ich wünsche dir ein Premium-Wochenende,

das stets zur vollsten Zufriedenheit verläuft!

Bis nächsten Freitag – Baba Bubble 🫧

#brandlyfriday ist Bubbles wöchentlicher Brandbrief zum Wochenende.

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Quelle: brandly fire – Super-Superlative

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